Tätigkeitsfelder, vorgestellt bei der Informationsveranstaltung am 23.06.2010
Blick über den Tellerrand: Pharmaziestudierende informieren sich über Berufsmöglichkeiten
Zahlreiche Pharmaziestudierende des 6. bis 8. Semesters folgten der Einladung der Universität, des Govi-Verlags, der Fachschaft Pharmazie und der Apothekerkammer Westfalen-Lippe zur 8. Info-Veranstaltung „Was erwartet mich nach dem Studium?“ am 23. Juni 2010 in Münster. Der Berufsnachwuchs nutzte die Gelegenheit sich über die breit gefächerten Möglichkeiten der Berufsausübung zu informieren, mit berufserfahrenen Apothekerinnen und Apothekern ins Gespräch zu kommen und diese über ihr jeweiliges Tätigkeitsfeld auszufragen.
Im Großen Hörsaal des Instituts für Pharmazeutische und Medizinische Chemie begrüßten Professor Eugen J. Verspohl für die Hochschule und die Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft (DPhG), Maria Scholz für den Govi-Verlag und Dr. Sylvia Prinz für die Apothekerkammer Westfalen-Lippe die Referenten sowie die Pharmaziestudierenden herzlich zu der Abendveranstaltung. Anschließend stellten Referenten aus ganz unterschiedlichen pharmazeutischen Tätigkeitsfeldern in Kurzvorträgen ihr jeweiliges Aufgabengebiet vor.
Berufsausübung in der Offizin: Angelika Plassmann, Fachapothekerin für Allgemeinpharmazie und Leiterin der Hohenzollern-Apotheke OHG in Münster gab einen Überblick über den abwechslungsreichen Tätigkeitsbereich des Offizinapothekers, der als kompetenter Gesprächspartner in Gesundheitsfragen fungiere. Neben der Freude an den klassischen Dienstleistungen sind vor allem kommunikative Fähigkeiten wichtige Voraussetzungen für die erfolgreiche und erfüllende Arbeit in der öffentlichen Apotheke. Sie hob hervor, dass sich Apotheken zunehmend in bestimmten Bereichen, wie beispielsweise Herstellung von Zytostatika und Parenteralia, Homöopathie, Alten- und Pflegeheimversorgung und Pharmazeutische Betreuung, spezialisieren. Solche Dinge sollten bei der Auswahl eines Praktikumsplatzes berücksichtigt werden.
Altersvorsorge: Dirk Kersting, Abteilungsleiter Mitgliederverwaltung, Kinderbetreuungszeiten und Beratungen, stellte das Versorgungswerk der Apothekerkammer Westfalen-Lippe (VAWL) vor. Das VAWL ist eine von der staatlichen Rentenversorgung unabhängige, berufsständische Versorgungseinrichtung. Auch Pharmazeuten im Praktikum können bereits Mitglied werden und von den Vorteilen profitieren: Bereits mit der ersten Beitragszahlung entsteht ein Anspruch auf Berufsunfähigkeitsrente, Witwen- bzw. Witwer- und Waisenrente. Darüber hinaus werden Kinderbetreuungszeiten von bis zu 36 Monaten je Kind auf die Rente angerechnet. In einem plakativen Beispiel erläuterte Kersting, dass für jeden Beitragseuro eine durchschnittlich mehr als doppelt so hohe Rentenhöhe im Vergleich zur Deutschen Rentenversicherung erzielt wird.
Berufsausübung im Krankenhaus: Burkhard Backhaus, Chefapotheker im paderlog - Zentrum für Krankenhauslogistik und Klinische Pharmazie am Brüderkrankenhaus St. Josef Paderborn, stellte das abwechslungsreiche wie anspruchsvolle Tätigkeitsfeld des Krankenhausapothekers vor. Das breite Spektrum umfasst Aufgabengebiete wie unabhängige Arzneimittelinformation, Arzneimittelherstellung und –analytik, strategischer Einkauf, Pharmakoökonomie, Arzneimittellogistik, sichere Lagerung und sicherer Umgang mit Arzneimitteln, Pharmakovigilanz, Klinische Pharmazie und Forschung. Wer gerne eigenverantwortlich arbeitet, Freude an interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Ärzten, Pflegekräften und Geschäftsführung hat sowie Interesse an Qualitätsmanagement mitbringt, ist in der Krankenhauspharmazie gut aufgehoben.
Weiterbildungsmöglichkeiten zum Fachapotheker: Burkhard Backhaus, selbst Fachapotheker für Klinische Pharmazie sowie Theoretische und Praktische Ausbildung, brach eine Lanze für die Weiterbildung. Die Qualifizierung zum Fachapotheker bietet, vor allem auch im Krankenhaus, Vorteile auf dem Arbeitsmarkt, außerdem werden durch die Spezialisierung ureigene pharmazeutische Disziplinen besetzt. Die Weiterbildung stellt eine praxisbezogene Spezialisierung in einem pharmazeutischen Gebiet dar und kann direkt nach Erhalt der Approbation als Apotheker in zugelassenen Weiterbildungsstätten begonnen werden. Listen von Weiterbildungsstätten können bei der Apothekerkammer erfragt werden. Die Qualifizierungsmaßnahme dauert bei Vollzeitbeschäftigung mindestens 36 Monate und beinhaltet den Besuch von 120 Seminarstunden. Der Krankenhausapotheker erklärte, dass im Kammergebiet Westfalen-Lippe die Weiterbildung in neun Gebieten und fünf Bereichen möglich ist. Interessenten können sich direkt bei der Abteilung Weiterbildung der Apothekerkammer melden, sich beraten lassen, Informationsmaterial und Anmeldeformulare anfordern.
Berufsausübung in der pharmazeutischen Industrie: Dr. Peter Gores, Fachapotheker für Arzneimittelinformation und Apothekerin Birte Kruse, beide Pfizer Pharma GmbH, stellten in ihrem Kurzvortrag die Arbeitsgebiete eines Pharmazeuten in der Pharmazeutischen Industrie vor. Wichtige Tätigkeitsfelder sind zum Beispiel Klinische Forschung und Entwicklung, Arzneimittelzulassung (Drug Regulatoy Affairs), Arzneimittelherstellung, Arzneimittelsicherheit (Pharmacovigilance), Medizinische Wissenschaft, Marketing und Vertrieb, Pharmakoökonomie/Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik. Für die Tätigkeit in der Pharmazeutischen Industrie sind gute Kommunikationsfähigkeit, Teamfähigkeit und interaktives Denken, vor allem an den Schnittstellen der einzelnen Tätigkeitsbereiche von großer Bedeutung. Für einige Bereiche sind gute Englischkenntnisse und eine Promotion Voraussetzung. Die Schnupperphase im Rahmen des Praktischen Jahres ist oft ein guter Einstieg in die Pharmazeutische Industrie, auch ohne Doktortitel. Pharmaunternehmen bieten bei wenig Nacht- und Wochenenddiensten gute Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten.
Berufsausübung bei der Kassenärztlichen Vereinigung: Katja Kortendick, beratende Apothekerin bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL), erläuterte den Studierenden die Aufgaben eines Apothekers bei dieser Institution. Die KV vertritt die Ärzte gegenüber den Krankenkassen und erfüllt den Sicherstellungsauftrag, trägt die Verantwortung für die Verordnungen der Ärzte, verhandelt das Arzneimittelvolumen und berät Vertragsärzte zu Arzneimitteln. Daraus ergeben sich folgende Aufgaben für einen Apotheker bei der KV: Er beantwortet Anfragen zu Arzneimitteln, führt individuelle Beratungen von Arztpraxen durch, informiert zu neuen Arzneimitteln, erstellt Informationen zur Optimierung der Pharmakotherapie der Ärzte und informiert Ärzte über die Entwicklung der Verordnungskosten. Außerdem bereitet er Verhandlungen mit den Krankenkassen vor, berät Vorstand und Geschäftsführung, referiert für Qualitätszirkel und Netze. Frau Kortendick unterstrich, dass für die vielfältigen Tätigkeiten bei der KV pharmakologische Kenntnisse sinnvoll und das Interesse an Zahlen und Statistik wichtig sind. Sie ermunterte die Pharmaziestudierenden im Praktischen Jahr bei der KV hereinzuschauen.
Berufsausübung bei der Bundeswehr: Oberfeldapotheker Dr. Olaf Scharfenstein, Köln, zeigte die Vielfalt interessanter Aufgaben Apotheker als Sanitätsoffiziere bei der Bundeswehr auf. „Bundesweite Dienststellen“ sind zu finden in Bundeswehrapotheken (in Versorgungs- und Instandsetzungszentren, Bundeswehrkrankenhausapotheken und Sanitätsmateriallager), in zentralen Instituten des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, in Kommandobehörden, im Sanitätsamt der Bundeswehr und im Bundesministerium der Verteidigung. In zugelassenen Weiterbildungsstätten ist die Weiterbildung zum Fachapotheker in sechs verschiedenen Gebieten möglich. Zum Anforderungsprofil der Bewerber gehören neben Mobilität, Flexibilität, Belastbarkeit, Teamfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Entscheidungsfreude auch die Bereitschaft zur Teilnahme an Auslandseinsätzen. Der Frauenanteil bei Sanitätsoffizieren Apotheker beträgt derzeit 32 %. Die Bundeswehr unterstützt die Vereinbarkeit von Familie und Dienst mit der Gewährung von Mutterschutz, Elternzeit, Betreuungsurlaub, Teilzeitbeschäftigung und Telearbeit.
Berufsausübung als Redakteur: Maria Scholz vom Govi-Verlag in Eschborn, stellt ausführlich das Tätigkeitsfeld eines Redakteurs bei einem Fachverlag vor. Der Govi-Verlag stellt Volontäre in der Redaktion ein. Sie unterstreicht, dass neben Unabhängigkeit und Zuverlässigkeit, eine gesunde Portion Neugier, Freude am Schreiben und ein gewisses journalistisches Talent unabdingbare Voraussetzungen für diesen Berufszweig sind.
Als Highlight ihres Beitrags verteilte sie im Rahmen eines Quiz, zu allen Facetten der Pharmazie, sechs „Pharmatetts“ an die Studierenden.
Auslandpraktikum: Corinna Lueg, Doktorandin am Institut für Pharmazeutische und Medizinische Chemie in Münster, berichtete über ihre positiven Erfahrungen mit dem sechsmonatigen Aufenthalt als Pharmazeutin im Praktikum im Ausland. An Praktikumsstellen im Ausland gelangt man beispielsweise über das Internet, Kontakte von Professoren, Fachschaften, ehemalige „PJ-ler“ oder die PJ-Börse des Bundesverbands der Pharmaziestudierenden in Deutschland (BPhD). Erfahrungsgemäß soll das Auslandpraktikum etwa zwölf Monate vor Antritt geplant werden und muss offiziell durch einen Apotheker, Professor, Hochschuldozent oder Privatdozent betreut werden. Die Doktorandin rät dazu, sich die Auslands-PJ-Stelle im Vorfeld schriftlich vom Landesprüfungsamt anerkennen zu lassen. Für das Praktische Jahr gibt es meist keine Vergütung. Gegebenenfalls gibt es Zuschüsse über Stipendien, Auslands-BAföG (z. B. DAAD, Career Service der Uni Münster), Erasmus (Europa) und den DAAD (International). Um das Auslandspraktikum nicht durch den Praxisbegleitenden Unterricht, der in Westfalen-Lippe im Frühjahr und Herbst stattfindet, zu unterbrechen, besteht die Möglichkeit den Unterricht auch im Block von vier Wochen bei einer anderen Apothekerkammer in einer PJ-Hälfte zu absolvieren. Zu beachten ist jedoch, dass das Praktische Jahr innerhalb von 13 Monaten am Stück abzuleisten ist. Sie empfahl bei Unsicherheiten immer das Landesprüfungsamt zu kontaktieren.
Promotionsmöglichkeiten: Die Professoren Dr. Klaus Langer und Dr. Eugen J. Verspohl, erläuterten den grundsätzlichen Ablauf einer Promotion in ihren Arbeitsgruppen. Während Professor Langer es gerne sieht, wenn Doktoranden beide Hälften des Praktischen Jahres dazu nutzen, in anderen Bereichen berufliche Erfahrungen zu sammeln, nehmen andere Professoren Doktoranden bereits in der zweiten Hälfte des Praktischen Jahres in ihre Arbeitsgruppe auf. Als wichtige Voraussetzung sollten Doktoranden unter anderem Begeisterungsfähigkeit, Zielstrebigkeit sowie eine hohe Frustrationstoleranz mitbringen. Zu den Vorteilen der Promotion gehören später gegebenenfalls höhere Verdienstmöglichkeiten und bessere Aufstiegschancen, zu den Nachteilen zählen beispielsweise das geringe Gehalt während der Doktorandenzeit und die Frustration, wenn man mit der Dissertation nicht so voran kommt, wie gewünscht. Zur Frage der Notwendigkeit einer Promotion äußerten die Referenten einstimmig, dass ein Doktortitel nicht zwingend erforderlich, aber von Vorteil ist, insbesondere wenn leitende Funktionen angestrebt werden.
Fragen und vertiefende Gespräche
Die Pause gestaltete die Fachschaft Pharmazie mit einem leckeren Imbiss für alle Teilnehmer. Zahlreiche Studierende nutzten die Gelegenheit in lockerer Atmosphäre mit den Referenten noch offene Fragen zu klären, vertiefende Gespräche zu führen und sich die Bücherpräsentation des Govi-Verlags anzusehen.


