Politische Eröffnung des 6. WLAT im Zeichen des Versandverbotes

Bundesgesundheitsminister Gröhe: „Was sich bewährt hat, müssen wir erhalten.“

(Münster, 18. März 2017) Eine inspirierende Keynote, intensive Workshops, informative Fachvorträge und allem voran eine politische Eröffnung, die es sich in sich hatte: Allein am ersten Tag des Westfälisch-lippischen Apothekertages (WLAT) kamen 950 Apothekerinnen und Apotheker, Pharmaziestudierende, PTA und weitere interessierte Fachbesucher zum erneut größten regionalen Apothekertag im deutschsprachigen Raum. Sie erlebten live, wie mit Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) zwei Hochkaräter der deutschen Gesundheitspolitik sich öffentlich und eindrucksvoll zugunsten der Arzneimittelmittelversorgung durch die öffentliche Apotheke vor Ort positionierten. Gerade unter den Vorzeichen eines Urteils des Europäischen Gerichtshofes, nach denen ausländische Versandapotheken sich nicht an die Arzneimittelpreisbindung halten müssen, war das ein wichtiges Zeichen für die Apothekerinnen und Apotheker.

Overwienings Appell: „Machen Sie den Weg frei!“
Kammerpräsidentin Gabriele Regina Overwiening zeigte sich in ihrer Rede kämpferisch und formulierte, welche Auswüchse das Urteil habe: „Wenn ein zuzahlungsbefreiter Patient bei einer ausländischen Versandapotheke ein Rezept einreicht, erhält er einen Bonus. Dieser Patient würde also nicht nur nichts für ein Medikament bezahlen, sondern zusätzlich einen geldwerten Vorteil erhalten. Damit werden zuzahlungsbefreite Patienten nicht nur komplett auf Kosten der Solidargemeinschaft versorgt – sondern sie könnten durch das Einlösen eines Kassenrezepts auch noch Geld verdienen.“ Overwiening appellierte an die SPD-Bundestagsfraktion, sich nicht weiter gegen den Gesetzesentwurf von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe zu stellen: „Auch wenn sie derzeit an Selbstbewusstsein zulegen, sind sie immer noch Teil dieser Bundesregierung, die sich dadurch auszeichnet, Probleme ernst zu nehmen. Nehmen Sie die Unterschriften von mehr als einer Million Bürgern ernst, davon über 150.000 aus Westfalen-Lippe, die uns im Rahmen einer Unterschriftenaktion in den vergangenen Wochen den Rücken gestärkt haben. Machen Sie den Weg frei für eine zügige Rückführung des Versandhandels auf den Bereich der nicht verschreibungspflichtigen Arzneimittel!“

Gröhes Forderung: „Was sich bewährt hat, müssen wir erhalten.“
Diesen Ball nahm Gröhe dankend auf und sagte in Richtung des SPD-geführten Bundeswirtschaftsministeriums: „Ich würde mir wünschen, dass das BMWi bei der Rettung von 150.000 Beschäftigten in Apotheken die gleiche Leidenschaft zeigte, wie bei der Rettung von circa 16.000 Tengelmann-Mitarbeitern. Gröhe hob die Bedeutung der Apothekerinnen und Apotheker im Gesundheitssystem hervor: „Sie Apotheker sind für viele Menschen der erste Ansprechpartner im Gesundheitswesen.“ Der Gesundheitsminister weiter: „Was sich bewährt hat, müssen wir erhalten. Die Apothekenpflicht für Arzneimittel, das Fremd- und Mehrbesitzverbot und viele andere Regelungen sind wichtige Eckpfeiler einer guten Versorgung. Wir brauchen mehr Wertschätzung von Beratung und nicht mehr Relativierung von Beratung.“ Zum EuGH-Urteil hat er eine klare Meinung: Man habe jahrelang einen Kompromiss gehabt, den Versandhandel auch mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln zu erlauben, dafür aber mit Preisbindung für alle. „Der Versandhandel hat diesen Kompromiss aufgekündigt. Und wenn dieser aufgekündigt wird, müssen wir das machen, was 21 andere EU-Staaten bereits tun, nämlich den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln zu verbieten, um die wohnortnahe Versorgung durch Apotheken vor Ort zu erhalten.“ Und an die Menschen, die sich von Boni verführen ließen oder im Internet bestellen wollten, adressierte er: „All diese Menschen wollen zugleich rund um die Uhr eine dienstbereite Apotheke in ihrer Nähe. Und es sind Millionen von Versicherten, die diesen Dienst rund um die Uhr brauchen.“ Und es sei im Sinnen eben dieser, die gewachsene Struktur der Arzneimittelversorgung vor Ort zu erhalten. Der lang anhaltende Applaus im großen Kongresssaal war Gröhe sicher.

Steffens‘ Klarheit: „Wir brauchen keinen Zeitgeist, sondern Verlässlichkeit, Sicherheit und Wohnortnähe.“
„In den Farben getrennt, in der Sache vereint“ zeigte sich hier auch NRW-Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) in ihrer Ansprache einig mit ihrem christdemokratischen Kollegen auf Bundesebene und bezog sich auf den Bundesratsbeschluss, in dem sich die Bundesländer für ein Versandverbot von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln aussprechen. Der Versandhandel habe für sie auch nichts mit „Zeitgeist“ zu tun: „Der Zeitgeist ist für uns kein Selbstzweck. Er kann nicht als Argument benutzt werden, um verlässliche Strukturen zu zerstören, die seit Jahrhunderten funktionieren. Wir brauchen die Apotheken. Wir brauchen keinen Zeitgeist, sondern Verlässlichkeit, Sicherheit und Wohnortnähe.“

Big Data – bedeutend wie die Aufklärung
Der politischen Eröffnung vorausgegangen war die erste Keynote des Kongresses: „Big Data ist so bedeutend wie die Aufklärung“, sagte Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger zum Thema „Vernetzung“. Der international anerkannte Bestseller-Autor zeigte eindrucksvoll auf, dass und wie Big Data unsere (Wirtschafts-)Welt verändert – mit einem besonderen Blick auf das Gesundheitswesen. Er stellte mögliche, aber auch sich bereits still und leise vollziehende Veränderungen in unserer Gesellschaft heraus. Er betonte aber auch, dass „wir nach wie vor das Heft des Handelns in der Hand“ halten.

Abendveranstaltung mit Bernhard Hoëcker
Der erste Kongresstag schloss mit einer Abendveranstaltung mit über 500 Gästen in der benachbarten Jovel Music Hall, die zugleich als Spenden-Gala für das apothekerliche Hilfsprojekt „Eine Dosis Zukunft“ fungierte. Über 20.000 Euro sind alleine im Rahmen der Gala zusammengekommen. Für beste Unterhaltung sorgten das Placebo-Improtheater und als Stargast der Comedian Bernhard Hoëcker. Durch den Abend führte Moderator Oliver Pauli, und für Live-Musik vom Feinsten sorgte die VIP-Entertainment-Band.


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Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe mit Gabriele Regina Overwiening, Präsidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe. Fotos: AKWL/Münsterview

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Insgesamt kamen am Samstag rund 950 Besucher zum WLAT in der Halle Münsterland.

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Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe

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Gabriele Regina Overwiening, Präsidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe

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NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens

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Zwischen den Fachvorträgen präsentierte eine große Fachausstellung mit über 50 Partnern und Unternehmen auf rund 2.000 Quadratmetern jede Menge Ideen und modernes Equipment, um die Arbeit in den öffentlichen Apotheken zu erleichtern und die Qualität weiter zu verbessern.

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