Kammer meldet weiteren Apothekenrückgang

Wohnortnahe Versorgung sichern - gerade auch gegen Konzerninteressen

(Münster, 13. Juni 2018) Wie kann es bei einem deutlichen Rückgang der Apothekenzahlen und einer gleichzeitig alternden Bevölkerung gelingen, die Arzneimittelversorgung „in Pantoffelnähe“ zu sichern und die pharmazeutische Beratung und Betreuung der Patienten sogar noch auszubauen? Mit diesem schwierigen Spagat befassten sich am Mittwoch die 92 Delegierten des westfälisch-lippischen Apothekerparlamentes.

Erstmals tagte die Kammerversammlung in den Räumen der Ärztekammer Westfalen-Lippe. Apotheker und Ärzte übten nicht nur räumlich, sondern auch inhaltlich den Schulterschluss: „Unsere beiden Berufe eint der Auftrag, die Patientinnen und Patienten in Zeiten des demographischen Wandels wohnortnah zu versorgen“, betonte Kammerpräsidentin Gabriele Regina Overwiening. Beide Heilberufe betrachten mit Sorge, dass ausländische Konzerne zunehmend in die medizinische Versorgung und die Arzneimittelversorgung eindringen.

Die Mitglieder des Apothekerparlamentes verabschiedeten daher am Mittwoch einstimmig eine Resolution, mit der die Freiberuflichkeit im Interesse der Patienten gestärkt werden soll: So berge der Einstieg von Fremdkapitalgebern in die Arzneimittelversorgung die Gefahr, „dass die Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten gegenüber den Renditeinteressen von Konzernen in den Hintergrund treten. Konzerne betreiben „Rosinenpickerei“ und locken die Patientinnen und Patienten mit hohen Boni, ohne sich an den vielfältigen Gemeinwohlpflichten zu beteiligen und sind anders als die inhabergeführten Apotheken vor Ort nicht zur Gewährleistung einer ordnungsgemäßen flächendeckenden Arzneimittelversorgung verpflichtet“, heißt es im Resolutionstext.

In ihrem Lagebericht hatte Kammerpräsidentin Gabriele Regina Overwiening zuvor aufgezeigt, welchen strukturpolitischen und pharmazeutischen Herausforderungen sich der Berufsstand aktuell stellt. Insbesondere die Frage nach dem Erhalt der Apotheke an Standorten, in denen die ärztliche Versorgung nicht mehr gewährleistet ist, treibe sie um. Darüber hinaus müsse die Apothekerschaft die Weiterentwicklung der apothekerlichen Versorgung in Zeiten der Digitalisierung durch innovative Modellprojekte vorantreiben. Last but not least sei es wichtig, Anreize zu schaffen, damit junge Existenzgründer wieder eine Chance haben, sich erfolgreich selbständig zu machen.

Deutliche Worte fand die Präsidentin für das am 6. Juni veröffentlichte Positionspapier des GKV-Spitzenverbands zur „Neuordnung der Apothekenstrukturen und -vergütung“. „Wir Apothekerinnen und Apotheker wollen in einen Dialog eintreten und mit Fakten überzeugen. Wenn man aber den GKV-Spitzenverband und sein Positionspapier sieht, merkt man, dass dort kein Dialog möglich ist“, so Overwiening. „Das Positionspapier und auch das 2HM-Gutachten, auf dem es basiert, gehören in die Tonne.“

Einstimmig erteilten die Delegierten dem Vorstand und der Geschäftsführung Entlastung für das Geschäftsjahr 2017. Auch die Jahresabschlüsse von Kammer und Fürsorgeeinrichtung wurden einstimmig bestätigt. Ihren Unmut äußerten aber zahlreiche Delegierte an der Arbeit des Bundesverbandes ABDA. Die Frage, ob die an die von der AKWL an die ABDA entrichteten Mitgliedsbeiträge in einem ausgewogenen Verhältnis zu den dafür erbrachten Leistungen stehe, beantworteten 52 Prozent der Delegierten mit nein.

Zahlen, Daten, Fakten aus Westfalen-Lippe

Hauptgeschäftsführer Dr. Andreas Walter präsentierte den Delegierten am Mittwoch die wichtigsten Kennziffern aus dem Jahr 2017: Die Zahl der Arbeitsplätze in den Apotheken erhöhte sich in Westfalen-Lippe signifikant von 15.777 auf 16.469, allerdings bei einem deutlichen Trend zu mehr Teilzeitarbeitsverhältnissen. Zum Jahresende 2017 sank erneut die Zahl der Apotheken von 1.998 auf nur noch 1.973. Zum 30. Juni 2018 werden es dann nur noch 1.954 Apotheken sein: Die Kammer muss zu diesem Stichtag weitere 20 Schließungen registrieren – bei nur einer Neueröffnung. In dieser Zahl enthalten sind bereits 484 Apotheken, die als Filiale betrieben werden. „In Westfalen-Lippe gibt es aktuell also nur noch 1.470 Hauptapotheken. Das ist der niedrigste Wert seit dem Jahr 1972“, so Dr. Andreas Walter.

STICHWORT: DIE APOTHEKERKAMMER

Die Apothekerkammer Westfalen-Lippe ist die berufliche Vertretung der 7.703 Apothekerinnen und Apotheker im Landesteil, davon stehen 5.430 aktiv im Berufsleben (zu etwa 85 Prozent in der öffentlichen Apotheke, aber auch in Krankenhausapotheken, Wirtschaft und Verwaltung). In Westfalen-Lippe gibt es aktuell 1.954 Apotheken. Die westfälisch-lippischen Apotheken bieten derzeit 16.469 (Vorjahr: 15.777) wohnortnahe Arbeitsplätze.

STICHWORT: DIE KAMMERVERSAMMLUNG

Die Kammerversammlung ist das oberste Beschlussorgan der Apothekerkammer. Das 92-köpfige Apothekerparlament wird im Fünf-Jahres-Rhythmus gewählt, zuletzt im Juni 2014.

[aktualisiert: 14.6.2018; 8:28 Uhr]


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In ihrem Lagebericht zeigte Kammerpräsidentin Gabriele Regina Overwiening auf, welchen strukturpolitischen und pharmazeutischen Herausforderungen sich der Berufsstand aktuell stellt. Fotos: AKWL/Sokolowski

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Erstmals tagte die Kammerversammlung in den Räumen der Ärztekammer Westfalen-Lippe.

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Hauptgeschäftsführer Dr. Andreas Walter

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Kommunikationsgeschäftsführer Michael Schmitz

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Die Mitglieder des Apothekerparlamentes verabschiedeten am Mittwoch einstimmig eine Resolution, mit der die Freiberuflichkeit im Interesse der Patienten gestärkt werden soll - hier im Wortlaut.

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